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Ludwig Graff von Pancsova

war ab 1884 Professor der Zoologie an der Karl-Franzens-Universität und machte Graz ab den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zur „Welthauptstadt der Wurmforschung“.

 

Graff (geb. 1851 in Pancsova – gest. 1924 in Graz), studierte in Wien Medizin, durchlief die praktische Ausbildung in der elterlichen Apotheke, legte 1871 die Tirozinialprüfung ab, nahm 1871 das Studium der Zoologie bei Eduard Oskar Schmidt in Graz auf, der 1872 eine Berufung an die Universität Straßburg annahm, nachdem kein geringerer als Ernst Haeckel einen Ruf abgelehnt hatte. Graff nahm eine Assistentenstelle bei Schmidt in Straßburg an, wo er 1873 auf Grund der Dissertation „Zur Anatomie der Rhabdocoelen“ promovierte. Er griff damit ein Arbeitsgebiet seines Lehrers auf, das er in seiner Grazer Zeit zum Schwerpunkt seiner Forschungen machte. 

Graff erlangte damit in zoologischen Fachkreisen Weltberühmtheit. Zu Anfang der 1870er Jahre waren nicht ganz tausend Arten von Strudelwürmern bekannt, von denen nur wenige anatomisch untersucht waren. Zur Wahl dieses Forschungsgebietes hatte gewiss die ausgezeichnete anatomische Ausbildung beigetragen, die er bei W. Waldeyer in Straßburg erhalten hatte.

Graff hielt in der Dissertation ausdrücklich fest, dass er von seinem akademischen Lehrer Schmidt auf dieses Thema hingewiesen worden war; er hatte seine Untersuchungen im Sommersemester 1872 an der Universität Straßburg begonnen, in den Monaten März und April 1873 in Messina fortgesetzt und im Mai zum Abschluss gebracht. Schon in dieser Erstlingsarbeit sprach er davon, dass er sich damit erst am Anfang einer „Reihe fortzusetzender Arbeiten über diese, an interessanten Beziehungen zu anderen Abtheilungen so reichen Thiergruppe“ befand.

Im Herbst 1873 wechselte Graff als Assistent Carl Theodor von Siebolds an die Universität München, wo er schon im folgenden Jahr die Lehrbefugnis als Universitätsdozent erwarb und in der Folge häufig Siebolds Vorlesungen übernahm bzw. übernehmen musste. Auch für die Gegebenheiten des 19. Jahrhunderts kletterte Graff ungewöhnlich rasch die akademische Karriereleiter hinauf: schon 1876 wurde er zum Professor an der königlich bayrische Forstakademie in Aschaffenburg ernannt.

An der Grazer Universität ergaben sich in der ersten Hälfte der 1880er Jahre Veränderungen, als Schmidts Nachfolger Franz Eilhardt Schulze 1884 an die Universität Berlin berufen wurde. Die Grazer Philosophische Fakultät legte größten Wert darauf, diese Professur mit einem Zoologen besetzt zu sehen, der weltweit zu den Allerbesten zu zählen sei, denn das entspräche der Grazer Tradition des Faches. Man schlug Emil Selenka, Professor an der Universität Erlangen, an erster Stelle und Ludwig Graff, Professor an der Forstlehranstalt in Aschaffenburg in Bayern, an zweiter Stelle vor, die beide als „Gelehrte ersten Ranges und als höchst wünschenswerte Acquisitionen für die Grazer Universität“ erschienen. Der Minister Conrad von Eybesfeld sprach sich in seinem Vortrag an den Kaiser für Graff aus, der in Österreich-Ungarn geboren worden war und seine Staatsbürgerschaft nicht aufgegeben hatte: „Vor kurzem erschien von Graff ferner als Mitarbeiter an dem großen, von den hervorragendsten Zoologen herausgegebenen Challenger Report eine Abhandlung über die ,Myzostomiden’, die ebenfalls in der günstigsten Weise beurtheilt wurde. Außerdem hat Graff noch eine ganze Reihe wissenschaftlicher Arbeiten veröffentlicht, welche in dem ehrfurchtsvoll angeschlossenen Verzeichnisse angeführt und als wertvolle Bereicherungen der Wissenschaft anerkannt sind. Das Collegium hebt ferner hervor, dass Graff nach dem Zeugnisse der hervorragenden Zoologen O. Schmidt und von Siebold ein ebenso ausgezeichneter Lehrer als Conservator von Sammlungen sei, dass er die Gabe eines vorzüglichen Redners mit einer allseitigen Unterrichtsmethode verbinde und durch seine Forschungsreisen in England Frankreich und Italien sowie durch seine Kenntnis der Weltsprachen sich eine eingehende Erfahrung und Allseitigkeit erworben habe. Ich habe unter diesen Umständen die Ueberzeugung, dass die Berufung Graff’s ein besonderer Gewinn für die Grazer Universität und insbesondere für den zoologischen Unterricht an derselben sein würde. Indem ich mir noch ehreerbietigst beizufügen erlaube, dass nach den weiters anverwahrten, im diplomatischen Wege eingeholten Auskünften über Dr. Graff dessen politisches und moralisches Verhalten ein tadelloses ist, dass derselbe ferner, wie ich mir schon oben allerunterthänigst anzuführen erlaubte, bereit ist einem Rufe unter den normalmäßigen Bezügen ... Folge zu leisten, gelange ich zu dem allerunterthänigsten Antrage: Geruhen Eure Majestät, den Professor an der Forstlehranstalt zu Aschaffenburg, Dr. Ludwig Graff zum ordentlichen Professor der Zoologie an der Universität Graz mit den systemmäßigen Bezügen und zwar mit der Rechtswirksamkeit des factischen Dienstantrittes allergnädigst zu ernennen.“ Kaiser Franz Joseph geruhte und unterschrieb die Ernennung am 2. Oktober 1884. Bemerkenswert an diesem Vorgang ist nicht bloß die Betonung der wissenschaftlichen Qualifikation Graffs, sondern aus heutiger Sicht die rasche Abwicklung von Besetzungen von Lehrkanzeln in dieser Zeit: Der Vorschlag der Grazer Kommission war am 19. Juni 1884 fertig gestellt worden.

Im Herbst 1884 nahm Graff seine Tätigkeit in Graz als Professor der Zoologie und vergleichenden Anatomie auf, wo er bis zu seinem Übertritt in den Ruhestand im Herbst 1920 verblieb.

Graff brachte die bedeutendste Privatbibliothek aus dem Fach Zoologie nach Graz mit. Es war dies jene Büchersammlung, die er im Jahre 1882 von seinem Münchner Lehrer Siebold übernommen hatte. Die Familie Siebold hatte im 19. Jahrhundert über mehrere Generationen hinweg herausragende Gelehrte hervorgebracht, die Bücher vor allem aus naturwissenschaftlichem Gebiet für wissenschaftliche Zwecke zusammengetragen hatten. Graff sah sich außerstande, diese Bücher im gesamten Umfang unterzubringen und gab ein Drittel der Bücher – die gesamte praktische Medizin mit Ausnahme der alten Autoren – ab und tauschte dafür zoologische Fachliteratur ein. Im Jahre 1891 publizierte er den in der Druckfassung 337 Seiten zählenden Katalog dieser noch immer mehr als 12.000 Bücher zählenden Bibliothek. (Bibliothek des Professors der Zoologie und vergl. Anatomie Dr. Ludwig von Graff in Graz, 1891.)

Graffs Leidenschaft war das Reisen und er betrachtete es als eine besondere Gnade seines Geschickes, einen Beruf gewählt zu haben, mit dem Reisen notwendigerweise verbunden waren. Schon als ganz junger Assistent, im Frühjahr 1872, führte ihn die erste Studienreise an das Meer, nach Rovigno und Parenzo. Das Studium der Meerestiere, im Besonderen der Turbellarien, machten zahlreiche Reisen an die Küsten Europas von Schottland bis Sizilien, von Spanien bis Griechenland notwendig. Im Wintersemester 1893/94 unternahm er eine Studienreise nach Java, während der er auch Buitenzorg, Singapore und Ceylon besuchte. Diese und die weiteren ausgedehnten Reisen wurden mit finanzieller Unterstützung der Akademie der Wissenschaften durchgeführt. So kam er nach Orotava, im Jahre 1902 an die biologischen Stationen von Bergen und Alexandrowsk an der Murmanküste und im darauffolgenden Jahr nach Sewastopol. Im Jahre 1907 bereiste er Nordamerika.

 

Graffs wissenschaftliche Leistungen

Die Zoologie und der Darwinismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

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