Ende dieses Seitenbereichs.

Beginn des Seitenbereichs: Inhalt:

Die Zoologie und der Darwinismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Die Zoologie pflegte um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine ruhige, deskriptive Forschungstätigkeit, die die aus dem Anfang des Jahrhunderts stammenden naturphilosophischen Ideen als unbewiesene und unbeweisbare Spiele der Phantasie betrachtete und die deshalb im tiefen Misstrauen gegen alle Spekulation sich ängstlich und ausschließlich an empirisch feststellbare Tatsachen klammerte. Dieser Methode war auch Charles Darwin gefolgt, als er das auf seiner Weltreise gesammelte riesige Material in jahrelanger konsequenter Arbeit nach empirisch-deskriptiven Grundsätzen in eine Ordnung brachte und im Jahre 1859 „The Origins of Species“ veröffentlichte. Die sich aus diesem empirischen Material ergebenden Folgerungen sorgten für größtes Aufsehen und wirkten beflügelnd auf die zoologischen Forschungen. „Wie durchgeistigte die Selectionstheorie plötzlich diese trockene Beschreibung, wie beflügelte sie das Messer des Anatomen und welche weiten Ausblicke gewährte sie dem so kurzsichtig gewordenen Auge des Systematikers!“ (Ludwig von Graff, Die Zoologie seit Darwin. Rede, gehalten bei der feierlichen Inauguration als Rector Magnificus der k. k. Karl-Franzens-Universität in Graz am 4. November 1895, Graz 1896, 3.) Diese Theorie regte – zusammen mit der Verbesserung der Untersuchungstechnik – die wissenschaftliche Publikationstätigkeit enorm an. Waren in der Zeit zwischen 1845 und 1860 jährlich ungefähr 2900 zoologische Arbeiten veröffentlicht worden, so stieg die durchschnittliche Zahl in den zwei darauf folgenden Jahrzehnten auf 5400 Nummern jährlich. (Graff, Zoologie, 7.) – Zu den erstaunlichen Phänomenen rund um den Darwinismus zählte, dass der Gedanke einer natürlichen genealogischen Deszendenz der Tier- und Pflanzenwelt aus einfachen Urwesen schon lange vor Darwin ausgesprochen und von Jean-Baptiste de Monet Chevalier de Lamarck in ein Gebäude gefasst worden war, als er in seiner „Philosophie zoologique“, 1809, die Theorie der Unveränderlichkeit der Arten in Frage stellte, ohne allerdings den Mechanismus der Veränderung angeben zu können. Die Selektionstheorie Darwins versuchte eine wissenschaftliche Begründung, ausgehend von den augenfälligen Erscheinungen der Vererbung und der Variabilität.

Darwins Lehre verbreitete sich unglaublich rasch und gewann recht bald über Fachkreise hinaus Einfluss auf fast alle Bereiche geistiger Tätigkeit. Innerhalb der Gemeinschaft der Fachgelehrten gingen die Meinungen einige Zeit auseinander. In Graz etwa prüften der Zoologe Eduard Oskar Schmidt und der Botaniker Franz Unger die Theorie Darwins lange in gemeinsamen Studien. Schmidt war als Schüler des herausragenden Johannes Peter Müller bis zur Veröffentlichung von Darwins Buch der Ansicht gewesen, dass das Auftreten jeder neuen Tierart auf der Erde supranaturalistisch sei. Noch zu Anfang des Jahres 1865 nahm er in der Einleitung zur fünften Auflage seines „Handbuches der vergleichenden Anatomie“ eine indifferente Haltung ein und äußerte Vorbehalte gegen Darwin: „Nun glaubt die neueste Zeit, den Schlüssel zum natürlichen System in der Lehre Darwin’s gefunden zu haben, welche die Abstammung der gesamten organischen Welt von wenigen einfachsten Urorganismen durch die sogenannte natürliche Züchtung’ behauptet, das wesentlichste aprioristische Bedenken gegen sich aber durch den Umstand hervorruft, dass sie den Zufall zum Weltprincip macht.“ (Oskar Schmidt, Handbuch der vergleichenden Anatomie, 5. Aufl., Jena 1865, 17.) Schmidt wurde nach anfänglichem Widerstreben schließlich durch die Untersuchungen des damals in Jena tätigen Zoologen Carl Gegenbaur über die vergleichende Anatomie der Wirbeltiere, der auf empirischem Weg die Hypothese Darwins zu erhärten versuchte, (Carl Gegenbaur, Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbelthiere, Leipzig 1864.) umgestimmt. In seiner Rektoratsrede am 15. November 1865 „Darwins Werk: Die Entstehung der Arten durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommten Racen im Kampfe ums Dasein“ bekannte er sich öffentlich und zur Überraschung vieler, die seine Bedenken kannten, zur Lehre Darwins und – wie eine Zeitung am folgenden Tag schrieb – „entwickelte ihre Unanfechtbarkeit und Tragweite mit jenem Freimuthe, wie ihn nur der Forscher, der Mann der Wissenschaft haben kann, der freien Wissenschaft, die sich von konfessionellen oder politischen Schranken nicht beengen lässt.“ (Telegraf (Graz) Morgenblatt Nr. 263 vom 16. November 1865: Akademische Feier.) – Damit ist zugleich knapp und klar das Wissenschaftsverständnis nach 1848 und die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit gegenüber der Wissenschaft umrissen. – Noch im Jahre 1866 war Schmidt sich vorerst nicht sicher, ob die neuen Überlegungen Darwins auch in seinem speziellen Forschungsgebiet der Spongien zutrafen, doch überzeugten ihn weitere Beobachtungen. Gemeinsam mit Franz Unger veröffentlichte er noch in diesem Jahr eine Schrift über das Alter der Menschheit (Oskar Schmidt – Franz Unger, Das Alter der Menschheit und das Paradies, Wien 1866.) vor dem Hintergrund der geologischen Forschungen und Darwins Theorie.

Von allergrößter Bedeutung war die Darwinsche Lehre außerhalb der Zoologie in der von ihr ausgelösten weltanschaulichen Auseinandersetzung, wobei die Gegner des Darwinismus nicht so sehr die Selektionstheorie als vielmehr die Deszendenztheorie ablehnten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wichen die zum Teil überaus emotional geführten Auseinandersetzungen einer sachlicheren Diskussion. Diese Kontroversen wirkten stark anregend im Besonderen auf jede Art zoologischer Forschung, an der eine über Brehms „Tierleben“ (Alfred Brehm, Zoologe in Berlin, brachte 1864 bis 1869 sein Hauptwerk „Tierleben“ heraus, das vielfach neu aufgelegt und übersetzt wurde.) gut vorgebildete Öffentlichkeit Interesse hatte und verlieh ihr über den unmittelbaren Fachbereich hinaus Gewicht, „Relevanz“ und den Forschern selbst in jedem Fall erhöhte Aufmerksamkeit und öffentliche Anerkennung, auch dann, wenn sie sich mit der Erforschung eines kleineren Bereiches der Zoologie beschäftigten, wie etwa der bis dahin noch weitgehend unerforschten Strudelwürmer.

Die Karl-Franzens-Universität Graz hatte seit den 1850er Jahren das Glück, erstklassige Zoologen in ihren Reihen zu haben. Einer von ihnen, Ludwig Graff, machte Graz ab den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts endgültig zur „Welthauptstadt der Wurmforschung“. Die gegen Ende des Jahrhunderts erschienenen Auflagen der einschlägigen Konversationslexika, namentlich etwa die in den 1890er Jahren erschienene Jubiläumsausgabe des „Brockhaus“, geben Zeugnis von Graffs Bedeutung auf diesem Gebiet. Zahlreiche gelehrte Gesellschaften nahmen ihn auf, so die königlich preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin, die königlich böhmische Gesellschaft der Wissenschaften in Prag, die Leopoldina und weitere naturforschende bzw. zoologische Gesellschaften in Moskau, Philadelphia, Paris, Triest, um nur einige zu nennen. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften wählte ihn 1899 zum Mitglied. Die Universitäten St. Andrews und Cambridge verliehen ihm Ehrendoktorate; als in Fachkreisen hoch angesehener Gelehrter regte er gemeinsam mit Kollegen die Gründung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft an. Es war sein Verdienst, dass der VIII. Internationale Zoologenkongress im Jahre 1910 in Graz tagte.

Graffs wissenschaftliche Leistungen

Nach oben

Ende dieses Seitenbereichs.

Beginn des Seitenbereichs: Zusatzinformationen:

Ende dieses Seitenbereichs.