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Graffs wissenschaftliche Leistungen

Die wissenschaftlichen Arbeiten Graffs hatten hauptsächlich die Myzostomiden und Turbellarien zum Gegenstand. Schon die Erstlingsarbeiten waren Proben seines Scharfsinns und seines eminenten Talents. Seine Abhandlungen „Zur Anatomie der Rhabdocoelen“ (Dissertation 1873) und „Zur Kenntnis der Turbellarien“ (Habilitationsschrift 1874) waren der erste Versuch, eine Histologie der Turbellarien im modernen Sinne zu schaffen. Die Hauptergebnisse waren der Nachweis der zelligen Struktur der Haut, die Kenntnis vom Bau des Nerven- und Muskelsystems, der Nachweis, dass die stabförmigen Körper der Turbellarien niedere Entwicklungszustände von Nesselorganen bedeuten, die Darstellung der Funktion und vergleichenden Anatomie des Prostomeenrüssels, der zum ersten Male als eine dem Rüssel der Nemertinen vollständig homologe Bildung hingestellt wurde.

An diese Arbeiten reihten sich zunächst einige kleinere, jedoch mit durchaus erfolgreichen Resultaten. Sie brachten die erste genaue Darstellung des Verlaufes und der histologischen Vorgänge bei der ungeschlechtlichen Fortpflanzung der Microstomida; die Kenntnis des Wassergefäßsystems, Gehirns und der Sinnesorgane von Stenostoma; die Anatomie von Chaetoderma und Neomenia, vorher bezüglich ihres Baues gänzlich unbekannter Tiere, die eine ganz neue Art von Nervensystem für wirbellose Tiere statuierte.

Als eine Epoche machende Arbeit wurde das Werk über das Genus Myzostoma (Leipzig 1877) bezeichnet, durch welches eine bis dahin nur fragmentarisch nach Quetsch- und Zupfpräparaten bekannte Tierabteilung eigentlich erst erforscht und der Wissenschaft aufgeschlossen wurde. Die Resultate der auf alle Organsysteme, auf Anatomie, Physiologie, Entwicklung, Lebensweise und geografische Verbreitung sich erstreckenden Arbeit führten zur Aufstellung eines zwischen Arthropoden und Vermes stehenden neuen Tiertypus „Stelechopoda“ und zu dem Schlüsse, dass dieser Typus Tierformen früherer Erdbildungsperioden darstellt, welche dem gemeinsamen Ausgangspunkte der Platoden und Anneliden entsprossen waren und sich bis in die Gegenwart in wenig veränderter Form mit ihren Wirten herübergerettet haben.

Dieser umfassenden Monographie folgten einige kleinere Arbeiten, die wichtige neue Ergebnisse enthielten, so die Histologie und Entwicklung der Pigment- und Fettzellen bei den Turbellarien, die Entdeckung von Chitingebilden und eines Strickleiternervensystems in dieser Tiergruppe; die erste Entdeckung einer Land bewohnenden Nemertine in Europa und die Anatomie dieser Repräsentanten einer in dieser Hinsicht nur oberflächlich bekannten Abteilung der Würmer, die neuerliche anatomische Untersuchung der Rhodope Veranii, einer seit 1847 nicht wiedergesehenen Nacktschnecke, die Entdeckung des Wassergefäßsystems bei dieser und der Nachweis, dass dieselbe ein Bindeglied zwischen Mollusken und Plattwürmern darstellt.

Das 1882 erschienene große Werk Graffs über die Turbellarien (Ludwig von Graff, Monographie der Turbellarien. I. Rhabdocoelida, Mit Unterstützung der kgl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Leipzig 1882. – L. v. G., Atlas von zwanzig Tafeln zur Monographie der Turbellarien. I. Rhabdocoelida, Mit Unterstützung der kgl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Leipzig 1882.) wurde von allen Rezensenten als „eine Leistung hervorragendster Art“, als eine „Meisterleistung“ bezeichnet. Besprechungen waren erschienen in: Nature, vol 27, Nr. 688, 1883, p. 227 (Mosely); Biologisches Centralblatt, III, 1883, Nr. 5-7 (Lang); Zarnke’s lit. Centralblatt, Leipzig, Nr. 26, S. 908, 1183 (Nitsche); Journal of the Royal Microsc. Soc. 2, Vol. III, p. 65-67 London 1883; Deutsche Literaturzeitung 1883 Nr. 27, S. 976 (O. Schmidt); Göttingische Gelehrte Anzeigen 1884, Nr. 5, S. 182-190 (Spengel). Alles, was an histologischen und entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen dieses Prachtwerk enthält, war neu, was schon daraus hervorgeht, dass die Unterordnung der Rhabdocoelen, welche bis dahin allgemein als mit der bisherigen Technik nicht konservierbar und nicht bearbeitbar angesehen worden war, nun von Familie zu Familie anatomisch und histologisch gründlich durchgearbeitet vorlag. So war Graff nicht nur zu einem Verständnis ihrer Organisation, zur Aufstellung eines Stammbaumes gelangt, sondern hatte auch durch die umfassende Bearbeitung der niedersten Abteilung der Metazoa endlich den Weg zu einer klaren Vorstellung von dem Verhältnis der Metazoa und Protozoa gewiesen.

Zu Anfang der 1890er Jahre erschien eine weitere Monographie über die Turbellaria Acoela. (Ludwig von Graff, Die Organisation der Turbellaria Acoela. Mit einem Anhange: Ueber den Bau und die Bedeutung der Chlorophyllzellen von Convoluta Roscoffensis von Gottlieb Haberlandt, Leipzig 1891.) Der zweite, mehr als 500 Seiten umfassende Band über die Turbellarien, in dem die Land-Tricladen behandelt wurden, erschien im Jahre 1899. (Ludwig von Graff, Monographie der Turbellarien. II. Tricladida Terricola (Landplanarien), Mit Unterstützung des hohen k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht sowie aus dem Legate Wedl der kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu Wien. Mit einem Titelbilde, neunzig Textfiguren und einem Atlas von achtundfünfzig zum Theile colorirten Tafeln, Leipzig 1899.) Damit hatte Graff die Grundlage für alle weiteren Forschungen zu dieser Thematik geschaffen. Zu diesem Zeitpunkt war er schon weltberühmt.

Links: Indomalayischer Urwald. Titelbild zu: Ludwig Graff, Monographie der Turbelarien. II. Tricladida Terricola (Landplanarien), Leipzig 1899.


Rechts: Von P. und F. Sarasin auf Celebes gesammelte
Landplanarien aus der Familie Geoplanidae, Bipaliidae, Cotyloplanidae, Rhynchodemidae. Aus: Ludwig von Graff, Atlas von achtundfünfzig Tafeln zur Monographie der Turbellarien II, Leipzig 1899, Tafel XIX.

Graff hatte schon in der ersten Hälfte der 80er Jahre als der beste Kenner der Myzo Storni den und Turbellarien gegolten und war von England zur Mitarbeit an dem großen Challenger-Report aufgefordert worden, an dem die ersten Zoologen der Welt teilnahmen. Bald erschien Graffs umfangreicher „Report on the Myzostomida, collected during the Voyage of H. M. S. Challenger“, 1884. Durch diese Abhandlung war die Kenntnis der Myzostomiden bezüglich der Geschlechtsverhältnisse, der Auffindung eigentümlicher, den Tardigraden sich anschließenden Formen und durch den Nachweis von höchst merkwürdigen Crinoiden-Deformitäten wesentlich erweitert worden.

Daneben hatte er zahlreiche Einzelstudien veröffentlicht, von denen etwa die Abhandlung „Acoela, Rhabdocoela und Alloiocoela des Ostens der Vereinigten Staaten von Amerika“, 1911, erwähnt sei.

In Graz, wo er in der Attemsgasse 25 wohnte und das Institut bis zur Unterbringung in dem im Jahre 1899 fertig gestellten Gebäude am Campus im „alten Jesuitengebäude“ untergebracht war, blieb er ungeachtet seiner zahlreichen Reisen in das wissenschaftliche und gesellschaftliche Leben eingebunden, hatte das Amt des Dekans der Philosophischen Fakultät mehrfach inne und war im Studienjahr 1895/96 Rektor der Universität. Aus dem Grazer zoologischen Institut war eine stattliche Zahl von Arbeiten hervorgegangen, von denen die meisten auch als „Arbeiten aus dem zoologischen Institut in Graz“ zusammengefasst erschienen sind.

Im Naturwissenschaftlichen Verein für Steiermark hielt Graff am 8. November 1890 einen Vortrag über die auf den Menschen übertragbaren Parasiten der Haustiere; Ludwig von Graff, Die auf den Menschen übertragbaren Parasiten der Hausthiere. Vortrag, Graz 1891. der Erlös aus der Drucklegung des Vortrages kam dem Verein „Frauenheim“ zu. Dies war eine der wenigen Publikationen, die außerhalb seines eigentlichen Forschungsgebietes lagen. Zu diesen Ausnahmen zählten etwa auch die Abhandlungen „Die Fauna der Alpenseen“ 1886 und „Das Schmarotzertum im Tierreich und seine Bedeutung für die Artbildung“ 1907. Sein Lebenswerk und Hauptinteresse aber galt den Würmern.

Zeitgenossen beschrieben Graff als „Frohnatur“. (Karl Grobben, Ludwig Graff-Pancsova, in: Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 74 (1924) 162-166.) Das unmittelbarste Zeugnis gab der große Botaniker Gottlieb Haberlandt, der in Graz vor seiner Berufung an die Universität Berlin lange Jahre mit Graff an der Universität zusammenarbeitete. Er beschrieb seine Grazer Freunde und Kollegen in seinen Lebenserinnerungen:

Wenn ich schon als Privatdozent und Extraordinarius mit verschiedenen Kollegen an der Universität bekannt und zum Teil befreundet wurde, so erweiterten sich diese Beziehungen nach meiner Ernennung zum Ordinarius in beträchtlichem Maße. Mit meinem nächsten Fachkollegen, dem verdienstvollen Phytopaläontologen Constantin Frh. V. Ettingshausen, der damals schon ein alter Herr war und sich keiner besonderen Beliebtheit erfreute, kam ich zwar nur selten zusammen. Um so häufiger aber mit dem Nachfolger Fr. Eilh. Schuhes, dem Zoologen und rühmlich bekannten Turbellarienforscher Ludwig v. Graff, einem geistsprühenden Gesellschafter und Lebenskünstler und unwandelbar treuen Freunde. Bei seinen vielseitigen Interessen einerseits, seiner starken Spezialisierung andererseits kam es nur selten zu einem wissenschaftlichen Gedankenaustausch. Dieser war nur einmal etwas lebhafter, als ich mich auf sein Ersuchen mit den ‚Chlorophyllzellen’ der Convoluta Roskoffensis näher befasste und eine Abhandlung über diese mit dem Wurm in engster Symbiose lebenden Algen als Anhang zu seinem Werke über Acole Turbellarien veröffentlichte. Als bemerkenswertes Resultat dieser Untersuchung ergab sich u. a., dass der Wurm durch lebhafte Krümmungen von den Chloroplasten der membranlosen Algenzellen kleine Partikelchen abzwickt und absplittert und diese dann anscheinend verdaut; und dass ferner, wenn dem Meerwasser die Salze der Knopschen Nährlösung zugesetzt werden, die Würmer infolge der starken Vermehrung der Algenzellen eine schwarzgrüne Färbung annehmen.
(Gottlieb Haberlandt, Erinnerungen, Bekenntnisse und Betrachtungen, Berlin 1933, 118-119.)

Ludwig Graff, der bei seiner Nobilitierung den Geburtsort Pancsova als Adelsprädikat wählte, war mit vielen Vorzügen der Persönlichkeit ausgestattet: Höchste Intelligenz, große Begabung für das Fach, immense Arbeitskraft und unermüdlicher Fleiß und die Fähigkeit zur Durcharbeitung eines größeren Formengebietes waren die Voraussetzungen für seine Pionierleistungen. Seine Geselligkeit, sein geistreicher Witz und seine Reisefreudigkeit machten ihn zudem zum Weltmann, dessen zahlreiche Reisen noch der wissenschaftshistorischen Bearbeitung harren.

Die Zoologie und der Darwinismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

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